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„Ein guter Tag ist ein guter Tag, ein schlechter Tag ist eine gute Geschichte.“

Der Textpolitur wurde ein Exemplar von Wir alles, wir nichts, dem Debütroman von Jana Marlene Mader zugespielt. Was uns am meisten an diesem Buch überzeugt, ist die Kitschlosigkeit der Sprache, das Gefühl für Sprache an sich, und dafür, was es bedeutet, wenn jemand auf Deutsch, Englisch und Französisch lebt, denkt und schreibt.

Im Interview verrät uns Jana Marlene Mader ihre persönlichen Gründe für das tägliche Schreiben und ihre unbewusste Verbindung zu Marcel Proust. 

 

Wie bist du letztendlich auf die Idee für dein jetziges Buch gekommen?

Ideen für Bücher hab ich viele und immer. Kleinigkeiten, die mir im Alltag widerfahren oder auch ein großes, lebensveränderndes Ereignis – Erlebtes, das die Fantasie anregt, Dinge, von denen ich denke, dass sie eine ganze Geschichte werden könnten. Ich bin nie aktiv auf der Suche nach Ideen, sie kommen zu mir. Dann setz ich mich hin und beginne dem nachzugehen und der Rest ergibt sich. Vielleicht wird es auch mal ein Romanprojekt geben, für das ich die komplette Handlung schon vorab im Kopf habe. Tatsächlich gibt es ein Buch, ein Krimi, für das ich schon Anfang und Ende wüsste. Bei dem aktuellen Roman war es so, dass die Handlung zu mir gekommen ist, sie hat sich während des Schreibens ergeben.

 

Wir war der Prozess? Wie lange, welche verschiedenen Ideen?

Ich hab 2012 meine Magisterarbeit abgegeben und wusste, dass ich als nächstes einen Roman schreiben will. Die Idee zu Schreiben hatte ich schon lange davor, aber diesen Schritt zu gehen und dem tatsächlich ernsthaft Zeit einzuräumen, das hat gedauert – einerseits, weil ich während meines Studiums keine Zeit dafür sah und dann auch, weil ich Angst davor hatte. Eine Idee im Kopf ist bequem: Ein Plan, der einem Ruhe gibt. Ihn auszuführen und vielleicht daran zu scheitern, das ist ungemütlich. Ich hab mir gesagt: Ich nehm mir ein Jahr Zeit und wenn ich bis dahin weiß, dass ich das schaffen kann, wenn ich bis dahin produktiv war, dann mach ich weiter. Heute, fünf Jahre später, könnte ich es mir nicht mehr vorstellen ohne das Schreiben.

Es gibt unterschiedliche Phasen des Schreibens. Eine sehr wichtige, die Geduld verlangt, ist die des Beiseitelegens. Wenn man monatelang an einem Kapitel oder einem Absatz arbeitet, sich über jedes einzelne Wort und Satzzeichen Gedanken macht, dann fehlt einem irgendwann die Perspektive. Da ist es sehr wichtig, dass der Text auf die Seite gelegt wird und in ein paar Tagen, besser noch Wochen, wieder “neu” gelesen wird. Das ist dann der kritische Moment, es gibt zwei mögliche Szenarien: entweder stellt man fest, dass man sich in etwas verrannt hat und es nicht funktioniert oder, dass das eigentlich ganz gut so ist. “Gut” im Sinne von, man muss das nicht wieder löschen, das kann man erstmal so lassen.

 

Was ist deine generelle Schreibmotivation? Warum machst du das Ganze?

Einerseits, weil ich glaube, dass Kunst, also Schönheit und Wahrheit, ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Er wird zu Unrecht oft unterschätzt: Schönheit als ein wichtiger Wert. Es geht nicht um oberflächlichen Schönheitswahn, sondern um Kunst, die unserem Leben Bedeutung gibt, die uns erfüllt. Es ist etwas, das Bestand hat, das uns berührt, uns rettet, wir retten uns in Geschichten, Musik, Malerei. Die Zeilen eines Gedichts, die Farben eines Sonnenaufgangs, Melodien, ein Film, Tanz oder Theater. Ich glaube, dass daher eine ungeheure Kraft kommt, eine Erfüllung, Glück.

Was Literatur im Speziellen angeht: Wenn man liest, trifft man sich auf eine ganz besonders intime Weise mit dem Schriftsteller, das ist nur der Literatur eigen. Musik, Malerei oder Film wird oft mit anderen Menschen gleichzeitig erlebt, auf einem Konzert, im Museum, im Kino. Literatur passiert unter vier Augen. Und in diesem intimen Moment stellt man dann fest, dass man nicht allein ist mit gewissen Erfahrungen oder Gefühlen. Literatur kann einen erheitern und unterhalten, aber sie kann auch Kraft geben, sie kann retten. Dazu habe ich ein Bespiel: Seit ich in den USA lebe, habe ich einen wiederkehrenden Alptraum: in dem Traum weiß ich nicht wo ich bin, ich befinde mich irgendwo ganz allein, ich weiß nicht mal, ob auf der Erde oder weit entfernt von allem; manchmal schwebe ich im luftleeren Raum, manchmal lauf ich umher und kenne nichts und niemanden. Ich wache dann immer auf und weiß tatsächlich in den ersten Sekunden nicht, wo ich bin. Meine Augen versuchen sich im Dunkeln zu orientieren. Sie versuchen einen Anhaltspunkt zu finden, einen Umriss, ein Licht. Bin ich in Deutschland, in Europa, in den USA, auf einem Schiff, in der Luft, in einem Wald, in einer Wüste. Diese Sekunden, bis meine Augen etwas sehen und ich weiß, dass ich in meiner Wohnung in Asheville bin, die sind lang und furchtbar. Proust spricht von einer ähnlichen Erfahrung in “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”. Ich hab das gelesen und war plötzlich nicht mehr allein damit, das macht es leichter: Proust kennt das.

Ich hoffe, dass ich mit meinem Schreiben auch Menschen berühre, dass sich Menschen in meinen Geschichten wiederfinden, aber dafür schreibe ich nicht. Ich mach es, weil ich es muss. Es ist zu einem enormen Drang geworden, mich hinzusetzten und zu schreiben, jeden Tag. Das tut auch oft weh, man kommt nicht weiter und stellt alles in Frage. Schreiben ist außerdem einsam. Man sitzt dort ganz allein mit seiner Geschichte, mit den Ideen im Kopf. Andere sehen nicht, woran man arbeitet, es ist nicht so unmittelbar wie Musik oder Malerei. Aber diese Einsamkeit, dieser Schmerz, der von dem tiefen Drang herrührt, dass man es machen muss und diese unglaubliche Erfüllung, wenn man es schafft: dafür schreibe ich, ich fühle mich lebendig, ich bin am Leben.

 

Was hat dir geholfen, während des Schreibprozesses am Ball zu bleiben?

Drei banale Dinge: Kaffee, Musik und Laufen. Ich arbeite momentan ganztags an der Universität und wenn ich abends nach Hause komme, nachdem ich den ganzen Tag in Seminaren und Vorlesungen war und mit Studenten und Kollegen gesprochen habe, ist mein Kopf oft nicht mehr in der Lage, sich auf eine Romanhandlung zu konzentrieren. Deswegen hab ich mir in den letzten Jahren den Wecker auf 5 Uhr gestellt und jeden Morgen eine Stunde vor der Arbeit geschrieben. Kaffee hat dabei geholfen. Das Joggen, die tägliche Bewegung hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Musik war und ist schon immer ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben: klassische Musik, Jazz, elektronische Musik, Rock, Hip-Hop, es gibt nichts was ich überhaupt nicht höre, außer vielleicht Speed Metal und Volksmusik. Während des Schreibens kann ich keine Musik hören, weil ich mich auf die Melodie der Sätze konzentriere, aber die größte Inspiration habe ich, wenn ich einfach nur laufe und Musik höre. Nicht Joggen, normales, zügiges Gehen. Joggen ist für das Sortieren, Gehen für Ideen. Es ist vielleicht die gleichmäßige Bewegung, die das Hirn anregt. Die Natur, die Stadt, die Luft, die Farben, die Melodie der Musik. Alles zusammen und in meinem Kopf sprudeln nur so die Ideen. Manche davon verwerfe ich schon während des Aufschreibens wieder, manche am nächsten Tag, manche, nachdem ich sie probiert habe und sie nicht funktionieren und dann gibt es einen Teil, der bleibt. Der kreative Prozess hat viel mit Ausprobieren zu tun, Weiterentwickeln, Verwerfen. Man darf Dingen, die im Papierkorb landen, nicht nachtrauern. Alles ist für irgendwas gut, auch die Ideen, die es am Schluss nicht schaffen, haben einen weitergebracht.

 

Gibt es eine Inspiration beziehungsweise jemanden, der Dein Schreibvorbild ist?

Ich glaube, dass es gängig ist, als Schriftsteller am Anfang erstmal den Schreibstil eines Schriftstellers, den man schätzt, zu kopieren. Daraus entwickelt sich dann etwas Eigenes.Wer ein Gefühl für Sprache hat und viel liest, der hat noch kein Buch geschrieben, aber das ist die Grundvoraussetzung. Der Rest ist Disziplin.

Meine Inspiration ist jeder Mensch, dem ich begegne. Freunde, Familie, Bekannte, Arbeitskollegen, der Kassierer im Supermarkt oder der Nachbar. Menschen sind faszinierend und das Schreiben eine Analyse, die mir selber hilft, Dinge, vor allem schmerzhafte Erfahrungen, zu verarbeiten. Aus der Analyse und Arbeit an Themen wie beispielsweise Tod oder Diskriminierung ergibt sich eine Distanz, die mir zum Überleben hilft. Leben kann unglaublich schmerzhaft und grausam sein: man verliert Menschen, die man liebt, man verletzt Menschen, die man liebt; sie werden krank, leiden, sterben; man selbst wird ungerecht behandelt, diskriminiert, verletzt. Jeder muss für sich selber eine Überlebensstrategie finden. Meine Überlebensstrategie:  Ein guter Tag ist ein guter Tag, ein schlechter Tag ist eine gute Geschichte.

 

An welcher Geschichte arbeitest du im Moment?

An einem neuen Roman und an meiner Doktorarbeit. Über (literarische) Schreibprojekte spreche ich nicht, bis sie nicht abgeschlossen sind. Jedes Mal, wenn man darüber spricht, geht etwas verloren, deswegen hab ich irgendwann beschlossen, nichts zu einem Roman in Arbeit zu sagen, bis er nicht fertig ist, die Handlung steht. Momentan arbeite ich vor allem an meiner Doktorarbeit, die wissenschaftliche Arbeit ist ein wunderbarer Ausgleich zur Prosaliteratur. Ich vertief mich in Theorie und auch daher kommen wieder neue Ideen für Romane. Wie gesagt, Geschichten sind überall, auch in einem Essay von Hannah Arendt zu Macht und Gewalt. Man muss sie nur sehen.

 

Jana Marlene Mader wurde 1987 in Hamburg geboren. Sie studierte Germanistik und Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seit 2014 lehrt sie am Fremdsprachendepartment der Universität in Asheville, North Carolina in den USA. Außerdem promoviert sie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu Hannah Arendt und ist tätig als Übersetzerin englischsprachiger Literatur. Sie lebt derzeit in Asheville und in München.

 

 

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